Weiberhelden – Moritz Konrad

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Ich wurde gebeten, einen Text zum Thema „Frauenfiguren in der Literatur“ zu schreiben. Und während der Recherche für diesen Text habe ich herausgefunden, dass es scheinbar bis ins 19. Jahrhundert relativ normal war, dass weibliche Autorinnen unter männlichen Pseudonymen veröffentlichen mussten, weil es gesellschaftlich nicht akzeptiert war, als Frau zu schreiben. Ich habe dann viel darüber nachgedacht, inwieweit es in unserer Zeit gesellschaftlich akzeptiert ist, als Mann über Frauen zu schreiben und hatte dann überlegt, meinen Text unter einem weiblichen Pseudonym zu veröffentlichen. Bei Thementexten habe ich nämlich immer die Tendenz, darüber nachzudenken, was das Publikum erwartet und dann genau das Gegenteil zu machen. Deswegen trägt mein Text den Titel:

Mein Problem mit starken Frauenfiguren

Grundsätzlich finde ich starke Frauenfiguren ja ein wichtiges Phänomen. Viel zu lange waren Frauenfiguren in der Literatur gefangen in der Rolle der hilflosen Märchenprinzessin, die ebenfalls gefangen war und in ihrem verwunschenen Turm darauf warten musste, von irgendeinem heldenhaften Mann gerettet zu werden. Starke Frauenfiguren sind quasi die Abrissbirne, die diese Türme und diese Geschlechterklischees einreißen soll – Eine Absage an die Idee, dass eine Frau immer einen hypermaskulinen Actionhelden-Prinzen braucht.

Aber ich finde interessant, wie Autorinnen und Autoren ihre Frauenfigur als „stark“ darstellen: Es gibt viele Figuren, die stark geschrieben sind und Charakter haben. Aber es gibt auch viel zu viele Figuren, die nur im wortwörtlichen Sinne stark sind – Das Klischee der Strong Female Character, die meistens in Form von Amazonenkriegerinnen in Stahlbikinis, hochbegabten Superhackerinnen und Latex-Karate-Dominas auftreten und die James Bond aussehen lassen wie einen handzahmen Streichelzoo-Betreiber.

Ich kann verstehen, warum diese Strong Female Character so erfolgreich sind: Sie verkörpern plakativ die Idee von Girl Power, sie sind quasi der Zaunpfahl im Auge des Patriarchats. Und ich kann nachvollziehen, warum in der Vergangenheit schwache Frauen in der Literatur zu schwachen Frauen in der Realität geführt haben. Aber das heißt ja nicht, dass man den Umkehrschluss ziehen kann: Die Welt bringt sich ja nicht von selbst in Ordnung, nur weil man die stärkste, gefühlloseste und allesverprügelndste Actionheldin ever schreibt.

Kunst und Literatur sind ja keine Maschine, in die man oben die richtigen Zutaten reinwirft und die dann unten die perfekte Gesellschaft auskackt. Mein Problem ist nicht, dass ich Frauen nicht in diesen Rollen sehen will oder dass ich es bescheuert finde, wenn Scarlett Johansson mit 60 kg Kampfgewicht sieben Typen auf einmal verprügelt. Das ist zwar nicht besonders realistisch, aber auch nicht unwahrscheinlicher als die Szene in Commando, in der Arnold Schwarzenegger eine ganze Insel voller Soldaten auslöscht.

Aber wenn man diesen Superfrauen-Charakteren dabei zuschaut, wie sie zum Takt eines Pop-Songs feindlichen Agenten mit ihren High Heels die Schädeldecke zerlöchern, dann fällt da doch eine gewisse Parallele auf zu den primitiven Macho-Helden, die sie eigentlich ersetzen sollten – Nur mit mehr Karate und einem sexy Outfit. Fast so, als hätte man ein Action-Film-Script aus den 80ern wieder ausgegraben und mit „Suchen und Ersetzen“ alle Namen und Pronomen geändert.

Und da schwingt ja eine problematische Idee mit, nämlich dass man als Frau nur dann „stark“ sein kann und nur dann im Mittelpunkt einer Handlung stehen kann, wenn man seine Weiblichkeit unterdrückt und sich genau so verhält wie ein Mann. So verwischen zwar die Grenzen zwischen den Geschlechterrollen, aber die Struktur dahinter, die weiterhin das „Typisch Männliche“ als stark und das „Typisch Weibliche“ als schwach bewertet, bleibt ja erhalten. Und ich will auch nicht sagen, dass sich alle Männer oder alle Frauen gleich verhalten sollten. Aber ich weiß auch, dass ich meine Mutter nicht deswegen als starke Frau empfunden habe, weil sie heranfahrende Autos mit bloßen Händen zur Seite geschleudert hat.

Wenn sich jemand bei dir beschwert, dass die Frauen in deinen Geschichten immer einen starken Mann brauchen, der sie rettet, dann kann doch deine Antwort darauf nicht sein, die Frauen praktisch in Männer zu verwandeln. Manchmal frage ich mich, wie diese Strong Female Character eigentlich entstehen. Entweder ist das fehlgeleiteter guter Wille, die Angst, von einer Horde feministischer Bloggerinnen kastriert zu werden oder es ist ein klassischer Fall von Fast Food Feminismus: Man schreibt sich Frauenrechte auf die Fahne, weil sich das gerade gut verkauft, aber setzt sich nicht tatsächlich mit dem Thema auseinander. Etwa so, wie H&M „Power to the Girls“-Pullover verkauft, die von 14-jährigen Mädchen in Bangladesch genäht werden. Und natürlich ist so ein Strong Female Character, egal wie eindimensional und macho er ist, immer noch ein Schritt in eine neue Richtung: Er trägt dazu bei, dass progressivere Frauenrollen mehr Aufmerksamkeit bekommen und treibt so den gesellschaftlichen Diskurs voran. Vielleicht sind Strong Female Character so etwas wie das Discounter-Biosiegel der Literatur.

Im besten Fall können diese Figuren ja so etwas sein wie eine Einstiegsdroge, die die Leute bereit macht für komplexere, nuanciertere und vor allem weiblichere Charaktere, die mehr sind als nur eine Frau, die jemand durch eine Actionhelden-Ausstechform gepresst hat. Ich würde von mir sagen, dass ich im Umfeld von vielen starken Frauen groß geworden bin. Und diese Frauen waren der harte Scheiß – ungestreckt und ungefiltert. Es waren Frauen, die keine Actionhelden waren und deswegen nicht immer im Mittelpunkt standen. Frauen, die trotzdem ihr Leben bis zum Schluss für andere Leute gelebt haben und dafür nicht immer die Anerkennung bekommen haben, die sie verdient hätten.

Frauen, die vielen Menschen geholfen haben, aber sich selbst nie helfen lassen wollten. Frauen, die gefühlvoll waren und trotzdem tough sein konnten. Frauen, bei denen man sich nicht oft genug bedankt hat. Das sind die Frauen, deren Geschichten wir erzählen sollten. Frauen, die keine Märchenprinzessinnen waren und nie einen starken Mann gebraucht haben. Frauen die sich selbst aus dem verwunschenen Turm befreit haben, in dem sie an ihren eigenen Haaren nach unten geklettert sind und dann mit emanzipierten Kurzhaar-Frisuren durch die Welt gelaufen sind. Frauen, die mir gezeigt haben, dass man kein Mann sein muss, um ein Held zu sein.

Moritz Konrad ist Slam-Poet. Er lebt und arbeitet in Karlsruhe.