Johanna Broziat im Interview zu künstlerischem Schaffen im Ausnahmezustand

Hypsométrie Montmorency, Johanna Broziat

Gemeinsam mit Künstlerinnen und Künstlern gehen wir der Frage nach, wie künstlerisches Schaffen unter den Bedingungen der Pandemie vonstatten gehen kann - wie wirken sich Kontaktsperre, die Schließung kultureller Institutionen, Einschränkung im Bildungsangebot, Home-Office bei verstärkter Online-Aktivität auf  kreative Denk-und Arbeitsprozesse aus?

Johanna Broziat wird bei uns im Rahmen der Ausstellungsreihe "Retour de Paris"  ausstellen. Ursprünglich war ihr Projekt für Juni geplant, nun gilt es neue Wege einzuschlagen, flexibel auf die Situation zu reagieren,  künstlerische Alternativen zum Medium Ausstellung auszuloten, eventuell reine online-Projekte zu generieren.

Im Interview mit unserer Direktorin erklärt sie, woran sie arbeitet, worüber sie nachdenkt, und wo sie künstlerisch gerade steht.

Marlène RIGLER: Wie beeinflusst die Kontaktsperre Deine eigene Arbeit als Künstlerin?

Johanna BROZIAT: Im konkreten Projekt gibt es Beschränkungen, die den Rahmen ausmachen. Corona als Umgrenzung meines Aktionsbereichs. Wäre Corona nicht, dann hätte ich den April in Paris verbracht, um dort eine Ausstellung konzipieren, so bin ich in Karlsruhe Mühlburg, setze mich den Eindrücken hier aus und reflektiere sie in Fotos und Texten.

Eine weitere Lagekoordinate ist meine thematische Beschränkung auf mein Jahr nach Paris, das geprägt ist von Erfahrungen, die im Text anklingen, die Beschäftigung mit diesen Ereignissen im Alleinsein ermöglicht mir eine neue Dimension der Auseinandersetzung.

Es kommen außer dem Text auch Fotos vor, durch die Nachbarschaft mit den Texten Einkehr und Aussicht zueinander in Beziehung setzen. Die Bilder sind Teil meiner Reflexion. Sie ermöglichen einen Abgleich mit dem Beschriebenen, ihr Inhalt wird durch den Text gelenkt ohne seine Motive zu wiederholen.

Marlène RIGLER: Gibt es kreative Wege, mit der "Not" umzugehen, sie nicht zu ertragen, sondern zu einem Ansatzpunkt einer künstlerischen Reflexion zu machen?

Johanna BROZIAT: Als Künstlerin finde ich mich regelmäßig in Situationen wieder, in die ich meine Arbeit einpassen muss: neue Orte, veränderte Lebensumstände, emotionale Zustände aus denen heraus das Weiterarbeiten erschwert ist, es ist eine ständige Suche nach Ansatzpunkten. Die Corona-Zeit wirft mich zurück auf einen kleineren Radius, die fehlende Möglichkeit des Besuchs von Ausstellungen, der eingeschränkte Austausch mit KollegInnen bedingt eine Innenschau, die ich so bisher noch nicht in meine Arbeit integriert habe.

Marlène RIGLER: Wie generiert man eine Ausstellung - unser gemeinsames Retour de Paris-Projekt, das für Anfang Juni geplant war - vor dem Hintergrund einer Ausgangsbeschränkung?

Johanna BROZIAT: Die Überlegung, man könnte sie anders präsentieren, zum Beispiel digital oder als Lesung, ist eine weitere Koordinate meines Rahmens für die jetzt entstandene Arbeit gewesen. Je mehr ich daran mache, desto mehr reflektiere ich aber auch das Medium mit, das Papier, das Blättern, der Aufbau ist analog gedacht. Vor allem aber inhaltlich hat es sich so entwickelt, dass es eine Intimität braucht, die ich in einem online-Auftritt nicht gewährleistet sehe. Die Arbeit ist als Buch konzipiert und eine digitale Präsentation kann ich mir nur in Ausschnitten vorstellen. Es gibt keine gleichwertige Form zur physischen Präsenz. Eine installative Arbeit als Onlinerundgang wäre für mich nicht vorstellbar, da es mir in den Raumarbeiten darum geht, etwas erfahrbar zu machen, nicht etwas vorzuführen. Eine Ausstellung im eigentlichen Sinn ist für mich unter den gegebenen Umständen nicht realisierbar. 

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Johanna Broziat sendet uns Fotos ihrer unmittelbaren Umgebung : Ich wohne und arbeite in meinem Atelier in Mühlburg, momentan am Schreibtisch. Ab und zu gehe ich raus, um Fotos zu machen und um ein wenig Auslauf zu haben, dann mache ich mit der Textarbeit weiter. 

Copyright: Johanna Broziat, 2020

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Dem häuslichen Arbeitsplatz in Mühlburg stellt sie Aufnahmen aus ihren Offenen Ateliertagen im Februar 2019 an der Cité des Arts in Paris entgegen.

"Zu Anfang, gleich nach meiner Ankunft eigentlich, habe ich begonnen, eine Installation in der Kammer im Eingangsbereich meines Studios aufzubauen. Sie besteht aus Überlassenschaften vorheriger Stipendiaten wie einer Malerfolie, Schreibtischlampen, Papierrollen, einem Rahmen, einem Topfdeckel, sowie Cité-eigenem Inventar, das zum Studio gehört."

Open Studio, Copyright: Matthias Hoch

"Ebenso Teil des Open Studios waren Siebdrucke, die ich in der Siebdruckwerkstatt angefertigt habe, sowie die etwas unpraktischen aber sehr schönen Wäscheständer, die ich bei meinen Mitstipendiaten ausgeliehen habe".

Open Studio, Copyright: Matthias Hoch

Open Studio, Copyright: Matthias Hoch

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Die Arbeit "Hypsometrie Montmorency" besteht aus von mir zusammengenähten Jersey-Abschnitten, die ich in einer Tonne vor einem Stoffladen in der Rue Montmorency gefunden und mitgenommen habe.

Copyright: Johanna Broziat

Auf dem Stadtplan habe ich Orte markiert, die ich in Paris besucht habe. Die Farben des Plans und das Wandern gehören für mich assoziativ zu "Hypsometrie Montmorency".

Copyright: Johanna Broziat

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"Dieses Bild zeigt die Siebdruckwerkstatt an der Cité des Arts in Paris. Ein Ort an dem ich mich viel und gerne aufgehalten habe."

Copyright: Johanna Broziat

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Die Bilder aus der Serie "Oloron" zeigen ebenfalls Siebdrucke.

Die (halb)runde Form stammt aus einer Baskenmütze, die ich für eine Freundin gekauft habe. Es war ein Pappkreis, den ich in der Mitte durchgeschnitten und auf ein Sieb belichtet habe. Durch Verschieben des Papiers unter dem Sieb habe ich unterschiedliche Kompositionen erstellt.

Oloron, Copyright: Johanna Broziat

Oloron, Copyright: Johanna Broziat

Oloron, Copyright: Johanna Broziat

Oloron, Copyright: Johanna Broziat

Oloron, Copyright: Johanna Broziat